Vemork

4 07 2011

Ich darf mal wieder im Regen stehen und warten. Diesmal darauf, dass das Museum öffnet. Leider gibt es nur einen Bus, der nur zweimal am Tag die 5 km nach Vemork fährt. Den Weg über die Hängebrücke und hinauf zum Wasserkraftwerk musste ich zu Fuß laufen. Den Wasserfall Rjukanfossen konnte ich von der Brücke aus nicht sehen.

Das Hostel machte auch beim Frühstück den Eindruck gähnender Leere. Buffet for one sozusagen. Der Typ an der Rezeption (ich bezahle für noch eine Übernachtung) ist mir unsympatisch. Er spricht ebenso schlecht Englisch wie Deutsch, ignoriert, dass ich Norwegisch spreche, wirkt etwas mies gelaunt (gut, es ist Montag morgen, und im Gegensatz zu mir muss er arbeiten) und sieht aus wie Kåre Konradi, der in mindestens einem norwegischen Film den Bösewicht spielt (wen es interressiert: „Den siste Revejakta“, lustiger Film über das Ende der Hippiezeit, leider nur mit englischen Untertiteln)

Auf dem Gebäude des Kraftwerks steht „Anno 1909“, ein Beweis dafür, dass schon damals nichts rechtzeitig zur Deadline fertig wurde. 1911 ging das Kraftwerk in Betrieb. 1929 wurde die Wasserstofffabrik gebaut, die als Nebenprodukt schweres Wasser produzierte, das später wichtiger Bestandteil von Hitlers Atomprogramm wurde. 1943 fand die Sabotageaktion statt, über die die BBC-Doku „Real Heroes of Telemark“ ausführlich berichtet. Die gesamte Doku (3 Teile) gibt es auf YouTube (16 Clips). Der Betrieb des Kraftwerks wurde 1971 eingestellt, und 1977 wurde die Wasserstofffabrik abgerissen.

Vemork ist nur über eine Hängebrücke oder über eine Eisenbahnlinie auf der anderen Talseite zu erreichen. Die Saboteure sind damals durch die Schlucht geklettert und dann den Bahngleisen gefolgt. Dieser Weg wird heute als geführte Tour für Touristen angeboten. Allerdings im Sommer. Die Sabotageaktion fand im Winter statt.

Im Kraftwerksgebäude befindet sich heute das norwegische Industriearbeitermuseum. Neben dem Kraftwerk selbst (Turbinenhaus, Wärmepumpe, Kontrollpult) gibt es hier verschiedene permanente und vorübergehende Ausstellungen, wie: Der Wettlauf um die Atombombe (von Otto Hahn bis Hiroschima), die Saboteure (inklusive 30 Minuten Film „If Hitler had the bomb“ – Der Film erzählt im Grunde nur die Geschichte der Saboteure im Schnelldurchlauf. Die Frage, die der Titel aufwirft, wird nicht weiter angetastet), Der Industriearbeiter 1955-2008, Die Industrialisierung Rjukans, und sehr interessant: Revolution im Norden – Der Finnische Bürgerkrieg um 1918. Finnland war damals gespalten in Sozialisten und Kontrarevolutionäre („rote und weiße“), finnisch- und schwedischsprachige Bevölkerung, arm und reich, nord und süd. Von den Sovjets gab es ähnlich zweifelhafte Unterstützung für die Roten wie im spanischen Bürgerkrieg: Die Russen zogen sich zurück als es gerade los ging. Für die Unterstützer der Weißen (darunter Schweden und Deutschland) war dieser Krieg ein Kampf gegen „Anarchie, Barbarei und alles Asiatische“ – die gleichen Parolen also wie später im Dritten Reich. Die Ausstellung zeigte zum Schluss Fotos von Grausamkeiten beider Seiten (Exekutionen, zerstörte Städte), sowie ein Modell einer ausgebrannten und verwüsteten Holzhütte. Uns sollte das vor allem daran erinnern, dass auch in Deutschland nach 1919 eine sozialistische Revoluzion blutig niedergeschlagen wurde („Wer hat uns verraten? …“ – da sollten die wenigen verbleibenden SPD-Wähler mal drüber nachdenken. Mehr sag ich nicht, das ist hier schließlich kein Politikblog;). In Norwegen ist es damals nicht zu Revolution oder Bürgerkrieg gekommen, auch wenn es Bestrebungen in der Arbeiterbewegung gab, zu härteren Mitteln zu greifen. Von einer Partei links von der Arbeiderparti (die „norwegische SPD“) habe ich im Museum in Vemork auch nichts gesehen (dafür jede Menge historische AP-Wahlplakate), obwohl es zumindest heute meiner Einschätzung nach mindestens zwei solche Parteien gibt (Rødt und Sosialistik Venstrepartiet – letztere ist zur Zeit in der Regierung. In Deutschland wäre sowas schon wegen dem Namen der Partei gleichbedeutend mit dem Untergang des Abendlandes)

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Rjukan erreicht

3 07 2011

Die Schlucht, durch die der Fluss in das Vestfjorddalen stürzt, in dem das Städtchen Rjukan liegt, ist in echt viel viel eindrucksvoller als auf Google Earth. Senkrechte Felswände, ein Wasserfall, eine Hängebrücke, und gegenüber wie eine Festung das Kraftwerk Vemork, erbaut 1911, damals das größte Wasserkraftwerk der Welt. Über dem Rand der Schlucht sieht man den Gipfel des Gaustatoppen, mit über 1800 m der höchste Berg in Telemark. Von dort oben kann man angeblich 1/7 des Landes überblicken.

Der Bus fährt weiter ins Tal. Rjukan könnte genausogut irgendwo im Saarland liegen: Straßendorf, viel alte Industrie. Allerdings sind die meisten alten Häuser aus Holz und nicht aus Sandstein. Und ein Tal das so tief ist, dass eine Seilbahn gebaut werden musste, damit seine Einwohner auch im Winter die Sonne sehen können, wird man in Saarland nicht finden.

Das Stadtzentrum liegt 5 km von Vemork entfernt. Der Campingplatz ist noch weiter unten und nur mit dem Taxi zu erreichen, also alles andere als Low Budget. Ich sehe einen Wegweiser „Motell“ ins Industriegebiet. Auch nix für meinen Geschmack. Auf der anderen Flusseite an der Hauptstraße: Rjukan Gjestegård (Hostel). Ich beschließe dort abzusteigen.

Die Bezeichnung „Hostel“ ist untertrieben. Es ist mehr wie ein Hotel, aber mit Gemeinschaftsdusche und Gästeküche. Einzelzimmer für 350 NOK: günstig. Frühstück für 85 NOK: Wucher. Die Atmosphäre hat etwas von einer Mischung aus Krankenhaus und Knast, die Wände auf dem Flur sind in geschmackvollem Grau gehalten. Aber das bedrückendste: Es ist keine Sau da außer mir. Immerhin: Die Dame an der Rezeption ist sehr freundlich und hilfsbereit. Aber das sind in Norwegen alle. Waschmaschine gibt es keine, dafür Trockenraum. Mal wieder genau das Gegenteil von dem, was ich brauche.

(Es hätte auch ein Backpackerzimmer für 235 gegeben – bei so wenig Gästen sicher wie ein Einzelzimmer…)

Der Wetterbericht ist eine einzige Katastrophe. Zeit genug für eine lange Museumstour… Aber den Gaustatoppen kann ich vergessen…

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Telemark

3 07 2011

Ein weiterer Reisetag, an dem ich fast nur im Bus sitze oder auf einen Bus warte.

Ein Kleinbus mit nur 2 Fahrgästen (mich eingeschlossen) bringt mich nach Rjukan. Die Landschaft hier ist wieder ganz anders. Endlose Wälder (Kiefern, Fichten und Birken), große Seen und Moore, dazwischen hohe Berge, die oben kahl und felsig aussehen. Ich nenne es Modelleisenbahnlandschaft. Zum ersten mal kam mir dieser Vergleich im Hinterland von Bergen in den Sinn. Im Norden sieht man hohe, verschneite Berge. Der Rand der Hardangervidda. An der Straße (die übliche 1 1/2-spurige Achterbahn wie die meisten Landstraßen in Norwegen) liegen vereinzelte Bauernhöfe, teilweise noch alte Holzhäuser auf Stelzen.

Was mir auch hier auffällt: Der Bauboom, der in diesem Land herrscht. Überall sieht man mitten in der Landschaft, außerhalb geschlossener Ortschaften, Baustellen und Schilder, die neue „eiendomsleiligheter“ versprechen. Gemeint sind wahrscheinlich Hütten oder Sommerhäuschen auf dem Land für Besserverdienende. Stellenweise sehe ich ganze Städte aus rustikalen Holzhäusern mit Grasdächern, obwohl dort (laut Karte) eigentlich keine Ortschaften sein sollten. Ich erinnere mich an das, was ein früherer Arbeits- und Studienkollege über Schweden erzählt hat: Jeder baut sein Haus einfach in die Pampa. Im Gegensatz dazu bestehen Ortschaften, die auf der Karte verzeichnet sind und einen Namen haben, oft nur aus ein paar Häusern und dem Allernötigsten an Infrastruktur.